January 20, 2026

Naturkapital: Warum der Wert der Natur zur Wirtschaftsfrage wird

Natur ist nicht nur ein „nice to have“. Sie ist eine der zentralen Grundlagen unseres wirtschaftlichen Systems und trotzdem taucht ihr Wert in der klassischen Buchhaltung fast nirgends auf. Boden, Wasser, Luft, Wälder und Artenvielfalt sind keine nett gemeinten „Extras“, sondern die Grundlage unserer Wirtschaft. Laut Schätzungen u. a. der Europäischen Investitionsbank (EIB), die sich dabei auf das Weltwirtschaftsforum und seinen Global Risks Report 2022 stützt, hängt mehr als die Hälfte der globalen Wertschöpfung direkt von funktionierenden Ökosystemen ab.

Genau hier setzt der Begriff Naturkapital an.

Was ist Naturkapital?

Unter Naturkapital versteht man den gesamten Bestand an natürlichen Ressourcen und Ökosystemen, die unser Leben und unsere Wirtschaft tragen: Böden, Wälder, Gewässer, Luft, Biodiversität und die unzähligen Lebewesen, die darin leben.

Diese natürlichen „Bestände“ liefern Ökosystemleistungen, etwa die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, fruchtbare Böden für Landwirtschaft, Bestäubung durch Insekten, kühlende Effekte von Wäldern und Stadtgrün, Küstenschutz durch Salzwiesen und Mangroven sowie CO₂‑Speicherung in Wäldern, Mooren und Böden.

Die ökonomische Perspektive spricht bewusst von „Kapital“, um klarzumachen:

Wenn wir dieses Kapital übernutzen oder zerstören, sinkt der „Naturkapitalbestand“. Künftige Erträge, zum Beispiel in Form von Ernten, sauberem Wasser, stabilen Klimabedingungen, brechen ein. Die „Dividende Natur“ schrumpft zu unserer aller Nachteil.

Wichtig ist: Seriöse Ansätze zur Bewertung von Naturkapital wollen nicht der Natur einfach überall Preisschilder ankleben. Sie zielen darauf, versteckte Werte sichtbar zu machen, nicht darum, Natur einzig auf Marktpreise zu reduzieren.

Unbepreistes Naturkapital: Wenn Zerstörung „kostenlos“ wirkt

Unternehmen zahlen heute vielerorts nicht den vollen Preis für die ökologischen Schäden, die sie verursachen. Ein Kraftwerk emittiert beispielsweise Treibhausgase, ohne die langfristigen Klimafolgen vollständig einzupreisen. In der intensiven Landwirtschaft werden Böden und Gewässer belastet, während die Kosten für Trinkwasseraufbereitung oder Bodensanierung häufig bei der öffentlichen Hand liegen. Und die Übernutzung von Fischbeständen minimiert zwar kurzfristig Kosten, führt aber langfristig dazu, dass die Ressource selbst zusammenbricht.

Wenn die Nutzung oder Zerstörung von Natur nicht oder nur unzureichend bepreist wird, spricht man von unbepreistem Naturkapital. Die Konsequenzen sind klar: Ökosysteme werden geschädigt, Gesundheitskosten steigen, etwa durch Luftverschmutzung, Lieferketten werden fragiler, und die langfristige wirtschaftliche Stabilität gerät ins Wanken.

Schätzungen zufolge hängt mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung direkt oder indirekt von Natur und ihren Leistungen ab – ein Wert, auf den u. a. die Europäische Investitionsbank und das Weltwirtschaftsforum verweisen (u. a. im Global Risks Report 2022). Gleichzeitig zeigt der globale Bericht des IPBES Global Assessment on Biodiversity and Ecosystem Services, dass Biodiversität und Ökosystemleistungen weltweit so schnell verloren gehen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Wie groß ist das ökonomische Potenzial einer naturpositiven Wirtschaft?

Naturkapital ist nicht nur ein Risiko‑Thema, sondern auch eine wirtschaftliche Chance. Naturpositive Geschäftsmodelle, also Geschäftsmodelle, die Natur schützen und wiederherstellen, eröffnen laut Studien des Weltwirtschaftsforums ein Potenzial von rund 10 Billionen US‑Dollar zusätzlicher Wirtschaftsleistung pro Jahr und bis zu 395 Millionen neuer Jobs bis 2030. Investitionen in Biodiversität und Naturkapital sind damit nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ein relevantes, wachsendes Geschäfts­feld.

Die Quintessenz:

Naturkapital ist kein Nischenthema der Umweltabteilung, sondern ein strategisches Wirtschaftsthema.

Die Rolle des öffentlichen Sektors

Öffentliche Akteure – Regierungen, Entwicklungsbanken, multilaterale Institutionen – haben eine Schlüsselrolle dabei, Naturkapital in die wirtschaftliche Realität zu holen.

Regulatorik und Anreize

Regierungen können Umweltschäden bepreisen, wie etwa über einen CO₂‑Preis oder Abgaben auf Pestizide, Stickstoffeinträge und Abfall, schädliche Subventionen abbauen und stattdessen Zahlungen für Ökosystemleistungen fördern. Außerdem können sie über Mindeststandards und Berichtspflichten, wie sie etwa in EU‑Taxonomie und CSRD verankert sind, sicherstellen, dass naturbezogene Risiken sichtbar werden und in Entscheidungen einfließen.

Damit wird für Unternehmen zunehmend klar: Naturkapital ist ein regulatorisches Risiko, wenn man es ignoriert und ein Wettbewerbsvorteil, wenn man es aktiv integriert.

Öffentliche Finanzinstitute

Öffentliche Banken wie die Europäische Investitionsbank (EIB) finanzieren großvolumig Projekte, die Klima- und Umweltschutzziele voranbringen. Dazu gehören:

  • Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und klimafreundliche Infrastruktur
  • Programme zur Wiederherstellung degradierter Flächen
  • Schutzgebiete und nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern und Gewässern

Wichtig:

Solche Institutionen können gezielt in Bereiche investieren, die aus rein marktwirtschaftlicher Sicht kurzfristig „zu wenig Rendite“ bringen, langfristig aber enormen ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzen haben, wie die Renaturierung von Mooren oder Schutz von Meeresökosystemen.

Naturkapital als Management‑Thema in Unternehmen

Für Unternehmen verschiebt sich der Blick auf Natur gerade von „externer Umweltfaktor“ hin zu einem Kernbestandteil von Risiko- und Chancenmanagement.

Naturkapital in Risikoanalysen und Berichterstattung

Im Zuge von ESG‑Berichterstattung, EU‑Regulatorik und Initiativen wie der Taskforce on Nature‑related Financial Disclosures (TNFD) rücken vor allem drei Fragetypen in den Vordergrund: Erstens, an welchen Stellen der Wertschöpfungskette Geschäftsprozesse stark auf Naturkapital zugreifen: beim Wasserbedarf, beim Flächenverbrauch, bei Rohstoffen oder bei Biodiversitätsauswirkungen. Zweitens, welche physischen Risiken bestehen, also zum Beispiel Dürre, Überschwemmungen, Bodenverlust oder Artenrückgang. Und drittens, welche Übergangsrisiken durch neue Gesetze, Steuern oder Standards entstehen, wenn Naturkapital künftig stärker bepreist und reguliert wird.

Von Schäden zu Chancen: naturpositive Geschäftsmodelle

Naturkapital ist auch ein Innovationsfeld. Naturpositive Strategien reichen von neuen Anbaumethoden mit geringerem Wasserverbrauch und höherer Bodenfruchtbarkeit über alternative Proteinquellen und stärker pflanzenbasierte Ernährung, die Landnutzung und Emissionen reduziert, bis hin zu kreislauforientierten Geschäftsmodellen mit weniger Plastik, weniger Abfall und mehr Wiederverwendung von Materialien. Hinzu kommen die Wiederherstellung degradierter Böden, Renaturierung von Flächen und die Rückgabe von Lebensräumen an Wildtiere – etwa über Biotopverbund, Wiedervernässung von Mooren oder Aufforstungs- und Agroforstsysteme.

Wer Naturkapital als strategische Ressource versteht, investiert gezielt in Langlebigkeit, Resilienz und Reputation des eigenen Geschäftsmodells.

Wie Unternehmen Naturkapital praktisch integrieren können

Die Integration von Naturkapital ins Unternehmenshandeln lässt sich grob in vier Schritte gliedern.

Bestandsaufnahme: Wo sind wir abhängig von Natur?

Am Anfang steht eine systematische Bestandsaufnahme entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Rohstoffgewinnung über Produktion und Nutzung bis zur Entsorgung. Entscheidend ist zu verstehen, an welchen naturkritischen Standorten besonders hohe Abhängigkeiten bestehen, etwa in Regionen mit Wasserstress, erhöhter Erosionsgefahr, Hochwasserrisiko oder hoher Biodiversität. Hier helfen externe Daten und wissenschaftliche Studien wie das IPBES‑Global Assessment, die Reihe „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ oder nationale Naturkapital‑Initiativen.

Bewertung: Welche Werte sind betroffen?

Im zweiten Schritt geht es darum, diese Abhängigkeiten und Wirkungen zu bewerten. Monetäre Ansätze setzen an konkreten Kosten an, zum Beispiel bei Wasserknappheit, Ernteausfällen oder Klimarisiken. Daneben spielen nicht‑monetäre Ansätze eine wichtige Rolle – etwa Szenarioanalysen, qualitative Bewertungen oder partizipative Prozesse mit lokalen Stakeholdern. Wichtig ist, neben rein instrumentellen Nutzwerten auch intrinsische, instrumentelle und relationale Werte von Natur einzubeziehen, also ökologische, kulturelle und identitätsstiftende Dimensionen.

Steuerung: Ziele, Kennzahlen, Governance

Darauf aufbauend können Unternehmen naturbezogene Ziele definieren: zum Beispiel Flächen renaturierter Ökosysteme, die Reduktion von Flächenversiegelung oder den Wasserverbrauch pro Produkteinheit. Diese Ziele sollten in Strategie und Governance verankert sein – etwa durch ein Sustainability‑Komitee im Aufsichtsorgan oder die Verknüpfung mit Vergütungssystemen – und konsequent in Risiko‑Management und Investitionsentscheidungen einfließen.

Umsetzung: Projekte und Partnerschaften

Im letzten Schritt geht es um die konkrete Umsetzung über Projekte und Partnerschaften. Unternehmen arbeiten dazu mit Naturschutzorganisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen und spezialisierten Dienstleistern zusammen, investieren in Renaturierungsprojekte mit klaren Governance‑Strukturen und belastbarem Monitoring und binden Mitarbeitende, Kund:innen und Lieferanten ein, damit naturpositive Lösungen in der gesamten Organisation und entlang der Lieferkette verankert werden.

Naturkapital und wir: Wo green account ansetzt

Wie übersetzen wir diese theoretischen und politischen Diskussionen in konkrete Projekte und Entscheidungen – gerade im deutschsprachigen Raum?

Von der Theorie zur Fläche: Projekte als Naturkapital‑„Infrastruktur“

Naturkapital zeigt seine Wirkung dort, wo Ökosysteme real existieren: in Wäldern, die CO₂ binden und Lebensräume sichern, in Mooren, die enorme Mengen Kohlenstoff speichern und Wasserhaushalte stabilisieren, und in Flussauen, Hecken, extensiven Wiesen und Waldsäumen, die Biodiversität und Klimaresilienz stärken. Genau hier setzt green account an:

Wir entwickeln und begleiten konkrete Naturprojekte, die Unternehmen ermöglichen, gezielt in Naturkapital zu investieren – sei es im freiwilligen Bereich oder entlang regulatorischer Anforderungen.

Dabei geht es um weit mehr als „Flächenkauf“ oder symbolische Aufforstungen. Entscheidend sind eine langfristige ökologische Wirkung statt kurzfristiger Imageeffekte, transparente Standards – etwa anerkannte Klima- und Biodiversitätsstandards –, ein verlässliches Monitoring mit klarem Wirkungsnachweis sowie eine starke regionale Verankerung, sodass lokale Akteure und Ökosysteme konkret profitieren.

Naturkapital als Brücke zwischen Compliance und strategischer Nachhaltigkeit

Unternehmen stehen zunehmend unter Druck: Einerseits müssen sie gesetzliche Vorgaben erfüllen – etwa Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen, EU‑Regulierung oder neue Berichtspflichten. Andererseits erwarten Kund:innen, Mitarbeitende und Investoren glaubwürdige Nachhaltigkeitsstrategien, die über reine Compliance hinausgehen.

Indem wir Naturkapital in den Mittelpunkt stellen, entsteht eine Brücke:

  • Für Unternehmen:
    • Investitionen in Natur werden zu strategischen Assets – sichtbare, nachweisbare Bausteine einer naturpositiven Transformation.
    • Naturprojekte werden so geplant, dass sie sowohl regulatorische Anforderungen abdecken können als auch freiwillige Engagements ermöglichen.
  • Für Landbesitzende und Regionen:
    • Naturkapital wird zu einer zusätzlichen Einkommensquelle, wenn Flächen für Renaturierung, Biodiversitätsaufwertung oder Klimaschutzprojekte genutzt werden.
    • Gleichzeitig bleibt der Fokus auf langerfristiger ökologischer Qualität, nicht auf kurzfristiger Flächennachfrage.

Warum Naturkapital ein zentrales Leitmotiv unserer Arbeit ist

Internationale Analysen zeichnen eine gemeinsame Linie: Ohne Naturkapital gibt es keine stabile Wirtschaft. Ohne klare Bepreisung und Bewertung entstehen massive Fehlanreize. Und ohne konkrete Projekte bleibt Naturkapital abstrakt und politisch folgenlos.

Unsere Aufgabe bei green account ist es, genau diese Lücke zu schließen. Wir übersetzen wissenschaftliche und politische Erkenntnisse zu Naturkapital in eine Sprache, die für Entscheidungsträger:innen in Unternehmen greifbar ist, und strukturieren sowie begleiten konkrete Naturprojekte, deren Wirkung transparent nachvollzogen werden kann. Gleichzeitig versetzen wir Unternehmen, Behörden und Landbesitzende in die Lage, Naturkapital als strategische Ressource zu verstehen, naturpositive Investitionen gezielt zu tätigen und deren Wirkung belastbar zu messen.

Damit wird Naturkapital nicht nur ein theoretisches Konzept in internationalen Berichten, sondern zu einem handfesten Baustein Ihrer Nachhaltigkeits‑ und Geschäftsstrategie – regional verortet, wissenschaftlich fundiert und langfristig ausgerichtet.

Fazit: Naturkapital ernst nehmen heißt Zukunftsfähigkeit sichern

Naturkapital ist mehr als ein neues Buzzword der Nachhaltigkeit. Es ist ein Framework, das sichtbar macht, wie tief unsere Wirtschaft von funktionierenden Ökosystemen abhängig ist und welche Chancen in ihrem Schutz und Aufbau liegen. Politische Akteure beginnen, diese Werte in Regulatorik und Finanzflüsse einzubauen, internationale Organisationen liefern klare Zahlen und Szenarien, und Unternehmen, die heute anfangen, Naturkapital in ihre Entscheidungen zu integrieren, sichern sich morgen Resilienz, Innovationschancen und Glaubwürdigkeit.

Für uns bei green account ist Naturkapital daher nicht nur ein analytischer Begriff, sondern der praktische Ausgangspunkt dafür, wie wir Flächen entwickeln, Projekte strukturieren und Unternehmen auf ihrem Weg in eine naturpositive Zukunft begleiten. Wenn Sie Naturkapital nicht nur verstehen, sondern aktiv in Ihre Strategie einbauen möchten, sind genau diese Fragen unser täglicher Arbeitsalltag und der Ausgangspunkt für gemeinsame Projekte, die Ökologie und Ökonomie sinnvoll verbinden.

Quellen

Europäische Investitionsbank (EIB)

  • Artikel „Naturkapital – was ist das?“ – zentrale Definition von Naturkapital, Beispiele für unbepreistes Naturkapital, Einordnung der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Ökosystemen.

https://www.eib.org/de/stories/nature-environment-pollution

World Economic Forum (WEF)

  • Global Risks Report 2022 – Grundlage für die Angabe, dass mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung von Natur und Ökosystemleistungen abhängt; Basis für die Einschätzung des ökonomischen Potenzials naturpositiver Geschäftsmodelle.

https://www3.weforum.org/docs/WEF_The_Global_Risks_Report_2022.pdf

IPBES – Global Assessment on Biodiversity and Ecosystem Services

  • Globaler Bewertungsbericht zu Biodiversität und Ökosystemleistungen – Beleg dafür, dass Biodiversität und Naturleistungen weltweit in beispiellosem Tempo verloren gehen und warum diese Trends für Wirtschaft und Gesellschaft relevant sind.

https://www.ipbes.net/global-assessment

Naturkapital Deutschland – TEEB DE

  • Nationale Reihe „Vom Wert der Natur“ – vertieft die ökonomische Bedeutung von Ökosystemleistungen in Deutschland, liefert Beispiele zur Inwertsetzung von Naturkapital und dient als Referenz im Abschnitt zur praktischen Integration von Naturkapital in Unternehmensentscheidungen.

https://www.ufz.de/teebde